Die Wahrheit, die lückenlose Wahrheit – Lesung mit Inge Deutschkron

Veröffentlicht am 28.11.2014 in Allgemein

Während entlang des ehemaligen Verlaufs der Berliner Mauer die Vorbereitung für die „Lichtgrenze“ auf Hochtouren liefen, erinnerte ich in meinem Wahlkreisbüro daran, dass der 9. November nicht nur für den Fall der Mauer steht, sondern auch für eine Reihe von Ereignissen, die für die deutsche Geschichte als Wendepunkt gelten. Der 9. November steht daher nicht nur für den Fall der Mauer, sondern auch für die Reichspogromnacht, die Nacht 1938 in der die deutschen Juden nicht mehr nur diskriminiert, sondern in der die systematische Verfolgung eingeleitet wurde. Etwa 400 Menschen starben, unzählige Synagogen, Bethäuser, Geschäfte und Wohnungen jüdischer Mitmenschen wurden zerstört. Was dies konkret bedeutete, erzählte mir und den 40 geladenen Besucherinnen und Besuchern in meinem Wahlkreisbüro Inge Deutschkron.

Inge Deutschkron, Jüdin und Sozialdemokratin, kann nicht nur auf ein bewegtes und beeindruckendes Leben als überlebende des Holocaust zurückschauen, sie hat auch etwas zu sagen. Nicht nur zur Geschichte, sondern auch zur politischen Gegenwart. Im Jahr 2013 hielt sie die offizielle Rede zum Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag. Eben diese Rede hielt Inge Deutschkron im Rahmen unserer Gedenkveranstaltung in meinem Wahlkreisbüro. Sie trug uns vor, was es bedeutete den gelben Stern zu tragen, wie ihre Mutter sie aufforderte sich gegen die anfängliche Diskriminierung zur Wehr zu setzen und wie die Gesetze ihr Leben von Tag zu Tag erschwerten. Sie berichtete uns, welche Entbehrungen und welche Angst es bedeutete zwei ein halb Jahre im Versteck zu leben, immer auf der Hut entdeckt zu werden. Sie berichtete uns auch wie viele Menschen wegschauten und nur Wenige ihnen halfen.

 

Dass der 9. November ein „Schicksalstag“ sei, wie einige Historiker sagen, widerspricht der Tatsache, dass Geschichte von uns Menschen selbst gemacht wird und dass das Geschehen auch nur durch uns beeinflusst werden kann. Nur wenn, wir verantwortungsvoll mit unserer Vergangenheit umgehen, können wir dafür Sorge tragen, dass etwas Vergleichbares nicht wieder geschieht.

 

Auszug aus der Rede von Inge Deutschkron:

Dieses Gefühl wich zeitweise der Sprachlosigkeit, wenn Menschen im Nachkriegsdeutschland zu mir sagten:So vergessen sie doch, wenn sie mich nicht anders zum Schweigen bringen konnten.Sie müssen doch auch vergeben können, meinten sie.Es ist doch schon so lange her.Die meisten, denen ich in der provisorischen Bundeshauptstadt Bonn begegnete, hatten sie einfach aus ihrem Gedächtnis gestrichen, die Verbrechen, für die der deutsche Staat eine eigene Mordmaschinerie hatte einrichten lassen und sie es geschehen ließen.

Da wusste ich plötzlich, was meine Pflicht war, die mir meine Schuld auferlegte: ich musste es niederschreiben. Die Wahrheit, die lückenlose Wahrheit, präzise und emotionslos, so wie ich es mit eigenen Augen gesehen hatte. Es ging mir dabei nicht darum, dass die Schuldigen jene, die dazu geschwiegen hatten, versuchen sollten, einen Weg der Sühne dem jüdischen Volk gegenüber zu finden. Nein, nein, das wäre sinnlos gewesen. Das deutsche Volk jener ersten Nachkriegsjahre wurde beschützt von seinem ersten Kanzler, der im Parlament in einer Regierungserklärung behauptet hatte, die Mehrheit der Deutschen waren Gegner der Verbrechen an den Juden gewesen. Viele von ihnen hätten sogar den Juden geholfen, ihren Mördern zu entkommen. Ach, wäre das doch die Wahrheit gewesen!

Ich aber war wie besessen von der Idee, dass Vergleichbares nie wieder geschehen dürfe. Dass Menschen anderen Menschen das Recht auf Leben streitig machen könnten – ganz gleich welcher Hautfarbe, welcher Religion, welcher politischen Einstellung, nicht hier und nicht anderswo. Und um dieses Zieles wegen gilt es, die Wahrheit zu wissen, die ganze Wahrheit. Denn solange die Frage Rätsel aufgibt, wie konnte das Fürchterliche geschehen, ist die Gefahr nicht gebannt, dass Verbrechen ähnlicher Art die Menschheit erneut heimsuchen.

 
 

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